Startseite
·
Know-How
·
Dekompressionskrankheit
Dekompressionskrankheit
Begriffsbestimmung
Schon 1670 machte Robert Boyle eine folgenschwere Beobachtung, die leider viele Jahre in Vergessenheit geriet. Er schloss eine Schlange in einen Glasrezipienten ein, den er mit einer verbesserten Version einer Saugpumpe evakuierte. Boyle berichtete, dass sich dabei in der wässrigen Flüssigkeit des Schlangenauges Gasbläschen bildeten, die hin und her wanderten. Heute wissen wir, dass eine Dekompressionskrankheit ausschließlich bei einem schnellen Wechsel von einem höheren zu einem niedrigeren Umgebungsdruck auftritt, wie z.B. in der Austauchphase Die Begriffe Caisson- Krankheit, Taucherkrankheit oder Druckfallkrankheit werden synonym verwendet. Hinter der sogenannten " Fliegerkrankheit" verbirgt sich nichts anderes als eine Sonderform der Dekompressionskrankheit bei einer Druckreduktion in der Höhe.
Zusammengefasst werden Unfälle während der Dekompressionsphase eines Tauchganges als Dekompressionskrankheit "Decompression Sickness" (DCS) bezeichnet. Die DCS wird klassischerweise in den Typ I mit ausschliesslich Haut- und Gelenksymptomen und Typ II mit neurologischen Krankheitszeichen eingeteilt. Neuere Klassifizierungssysteme erlauben bessere Differenzierungen werden jedoch aufgrund didaktischen Gründen nicht häufig benutzt.
DCS Typ I: Leichtere Symptome, die meist die großen Gelenke, die Haut und die Muskeln betreffen, also die langsamen Gewebe. Typisch sind durch Mikroembolien verursachte Rötungen, so genannte "Taucherflöhe". Sie können bis zu 24 Stunden nach dem Tauchgang auftreten. Das häufigste Symptom - bereits seit der Jahrhundertwende durch Erfahrungen mit Tauchglockenarbeitern ("Caisson") bekannt - sind so genannte "Bends", stechende Gelenkschmerzen (Knie, Schultern, Hüfte), die ebenfalls noch Stunden nach dem Tauchgang auftreten können.
DCS Typ II: Schwere Symptomatik, die besonders das zentrale Nervensystem (die schnelleren Gewebe) und die Atmung betrifft, Ausfälle (z.B. Lähmungen) hervorruft und zum Tode führen kann. Sie tritt in der Regel innerhalb der ersten Stunde nach dem Tauchgang auf. Störungen der Atmung machen sich durch atemabhängige, brennende, stechenden Schmerzen hinter dem Brustbein bemerkbar, "Chokes" genannt. Infolge dieser Schmerzen verflacht die Atmung, was wiederum zu einem Mangel an Sauerstoff im Gewebe und zum Schock führen kann.
Für die Dekompressionskrankheit gilt der Grundsatz, daß eine Erkrankung prinzipiell nur möglich ist, wenn gegenüber einem bestimmten (Über)-Druck eine Druckentlastung auf einen geringeren Druck folgt. Verantwortlich für die Erscheinungsformen sind Stickstoffblasen, die sich als Folge einer Stickstoffsättigung von Körperbereichen bei einem Abfall des Aussendrucks bilden. Tatsache ist, dass nach jedem (!) Tauchgang und beim Aufstieg in höhere Regionen (Flug; Anfahrt zum Bergsee), auch bei ordnungsgemäßem Tauchgangsverlauf, Mikroblasen entstehen.
Welche Risikofaktoren gibt es
Bei der Entstehung der DCS spielen der Tauchgangsverlauf, allen voran die Tauchtiefe und Tauchzeit eine entscheidende Rolle. Individuelle Risikofaktoren werden jedoch immer mehr in den Mittelpunkt des Interesses gerückt und sind für eine erhebliche Anzahl von Dekompressionserkrankungen verantwortlich zu machen.
Aktuell diskutierte Risikofaktoren können sein:
* Dehydration
Verschlechterung des Stickstoffabtransportes durch Beeinträchtigung der Mikrozirkulation
* Körperliche Belastungen vor oder während des Überdrucks
Schnellere Stickstoffaufnahme der Muskulatur, Bildung einer grösseren Anzahl von sog. Blasenkernen
* Kälte
Verzögerte Stickstoffabgabe, erhöhte Stickstofflöslichkeit
* Erhöhter Körperfettgehalt
Vermehrte Stickstoffaufnahme im Fettgewebe
* Alter/ Geschlecht
Ggf. erhöhter Körperfettanteil bei Frauen, höheres Risiko im Alter
* Höhenexposition
Z.B. Fliegen nach Tauchgang, weitere Druckreduktion und damit Freiwerden von Stickstoff sowie Gasblasenvergrösserungen gemäss Boyle- Mariotte
Beachte:
Extremes Non-Limit Tauchen, ohne Ruhetage zur Entsättigung der Körpergewebe, muss ebenfalls als Risikofaktor für DCS angesehen werden. Nach drei bis vier Tagen mit jeweils drei Tauchgängen sollte zur Sicherheit ein tauchfreier Tag eingelegt werden. Natürlich ist auch hier die individuelle Konstitution (siehe oben) ein ausschlaggebender Faktor.
Behandlung
Die DCS des Typs I und II muss mit einer schnellen Rekompressionstherapie unter Sauerstoffzuführung behandelt werden. Eine nasse Rekompression birgt zu viele Risiken und wird heute nicht mehr empfohlen.
Die frühzeitige Gabe von Sauerstoff (O2), schon vor Eintreffen des Notarztes wird dringend empfohlen. Grund hierfür ist nicht nur die bessere O2-Versorgung der Organe, sondern auch der Stopp des Gasblasenwachstums und der beschleunigte Stickstoffabbau, bedingt durch das höhere Gasdruckgefälle zwischen dem sauerstoffreichen Blut und den stickstoffgesättigten Geweben (man spricht von Ausschwemmen).
Ergänzend dazu muss der Flüssigkeitshaushalt ausgeglichen werden, idealerweise mit einer Infusion. Aber auch das Einflößen von (nicht alkoholischen und koffeinfreien) Getränken in möglichst großer Menge (wenn der Arzt länger auf sich warten lässt) ist als unterstützende Maßnahme zu empfehlen bei Patienten die bei Bewußtsein sind.
Beim Transport zur Druckkammer sollte keine weitere Druckreduktion stattfinden. Ein Transport mit der Flugrettung sollte deshalb unterhalb von 300 m stattfinden oder in Fluggeräten, die einen Innendruck von 1 Bar erzeugen können (in der Kabine eines normalen Linienflugzeugs herrschen nur 0,75 Bar).
Die wohl erfolgreichste Behandlung von DCS Symptomen ist jedoch das Eingestehen eines jeden Tauchers, dass auch er /sie bei "normalen" Tauchgängen mit Symptomen zu rechnen hat. Und als Schlussfolgerung daraus, alle Tauchausfahrten nur mit entsprechender Sicherheitsausrüstung und den notwendigen Informationen über Notfallplan und Notfallmanagement durchzuführen.
Silvia
|
 |
|